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Der Stiftsbezirk St. Gallen

Der Stiftsbezirk von St.Gallen stellt eine einzigartige architektonische Verkörperung 1200-jähriger Geschichte dar. Auf dem Gelände der im 8. Jahrhundert gegründeten Abtei folgte Kirche auf Kirche, die jede auf ihre Weise eine Spitzenleistung darstellte. 1566/67 wurde die im Spätmittelalter unter Abt Ulrich Rösch neu konzipierte Klosteranlage mit einer Ringmauer umgürtet und erhielt ein eigenes Tor, das sog. Karlstor. Im 17. Jahrhundert erfuhr der Stiftsbezirk eine rege Bautätigkeit. So entstanden 1623 die Otmarskirche, 1666/67 der Hofflügel und 1674 der östliche Kreuzgangflügel mit zahlreichen Nebenbauten. Ab 1755 wurde die Anlage unter den Äbten Cölestin Gugger von Staudach und Beda Angehrn zur fürstäbtischen Residenz mit Klosterkirche ausgebaut. Die Kathedrale ist eine der letzten monumentalen Klosterbauten des Barocks in Europa, und die im Westflügel untergebrachte Stiftsbibliothek gilt gar als schönster Zeuge dieser Baugattung in der Schweiz. 1797 vollendete Abt Pankraz Vorster die Neue Pfalz, in der seit der Gründung des Kantons St.Gallen 1803 Regierung und Parlament ihren Sitz haben.

© Fotostudio Lautenschlager, St. Gallen

Nach der Klosteraufhebung 1805 kam es im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts zu markanten Veränderungen. Die bauliche Erneuerung, die zwischen 1823 und 1845 fast die ganze Nordflanke des Stiftseinfangs erfasste, begann mit der Errichtung eines Wohnhauses an der Gallusstrasse 16. 1828 erfolgten der Abbruch der Schiedmauer zwischen Kloster und Stadt, die Errichtung eines neuen "Markthauses" anstelle des alten Schuh- und Schmalzhauses (Marktgasse 30) und die Verlegung der alten Klosterhofzufahrt nach Westen. 1838 ­ 1841 erstellte Felix Wilhelm Kubly das Zeughaus und das katholische Schulhaus, und 1842 ­ 1845 folgte die Kinderkapelle vom gleichen Architekten.

Im 20. Jahrhundert wurde der Stiftseinfang mehrmals grösseren Renovationen unterzogen. Auf die zwischen 1928 und 1936 durchgeführte Aussenrestaurierung der Kathedrale folgte 1961 ­ 1967 die grosse Innenrestaurierung mit statischer Sicherung der Gewölbe. Die weiteren Etappen waren: 1975 ­ 1979 Aussenrestaurierung und Innenausbau des Zeughauses (heute Staats- und Stiftsarchiv), 1981/82 Einrichtung eines Lapidariums im westlichen Gewölbekeller und Restaurierung des Grossratssaales, 1989 Aussenrestaurierung der Pfalz und des Hofflügels, 1999 Eröffnung des Pfalzkellers, 2000 ­ 2003 Aussenrestaurierung der Kathedrale.

Trotz der verschiedenen Bauzeiten wirkt der im Norden und Westen von den Baumassen der nachmittelalterlichen Stadt St.Gallen umgebene Klosterkomplex einheitlich. Die dominierende Doppelturmfassade der Kathedrale und die hufeisenförmige Geschlossenheit des Klosterhofs verleihen dem 1983 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommenen Stiftsbezirk eine spannungsreiche und doch klare Räumlichkeit.


Dr. Daniel Studer
Inventarisator der Kunstdenkmäler des Kantons St. Gallen